Don’t be evil — die Chronik einer freiwilligen Unterwerfung

by Raphael Dudler | Aug. 9, 2026 | Assets

Als Google 2004 in seinem Börsenprospekt die drei Worte „Don't be evil" auf die Fahne schrieb, klang das nach einem Versprechen. Zwanzig Jahre später wissen wir: Es war eine Ansage. Nur haben wir sie falsch verstanden.
Wir wurden getäuscht, abgezockt, ausspioniert und verkauft — und das Bemerkenswerteste daran ist, wie freiwillig wir dabei mitgemacht haben.

Der lange, leise Betrug

Was in den frühen Tagen des Internets begann, konnten nur wenige sehen: dass wir Schritt für Schritt betrogen werden würden. Es war zu verlockend, das Gegenteil zu glauben. Da traten Unternehmen auf die Bühne, die uns helfen wollten, so hiess es. Die das Leben vereinfachen, Probleme lösen, eine rosige Zukunft bereiten.
Wer will das nicht glauben?

Doch das war nie die Motivation der Giga-Firmen. Es war das Gegenteil. Und sie kannten ihr Publikum genau. Der Mensch ist naiv. Der Mensch ist bequem, faul.
Er nimmt, was glänzt und nichts zu kosten scheint, und fragt nicht, warum es umsonst ist. Er hätte fragen müssen. Denn wenn ein Produkt nichts kostet, dann ist man nicht der Kunde. Man ist die Ware.

Zuerst nahmen sie unsere Daten

Der erste Griff galt unseren persönlichen Daten. Sie nahmen sie und handelten damit. Und mehr noch: Sie legten Datenbanken an, Datenmonster, die jeden einzelnen Nutzer erschreckend genau beschreiben, was er kauft, wen er liebt, wovor er sich fürchtet, wann er schwach wird. Nicht wir besassen dieses Wissen über uns selbst. Sie besassen es. Und Wissen über einen Menschen ist Macht über ihn.

Dann wollten sie unser Geld

Als Nächstes bekundeten sie Interesse an unserem Vermögen. Der Mechanismus war so einfach wie perfide. Erst machten sie uns abhängig, fixten uns an mit Reichweite, mit Sichtbarkeit, mit dem süssen Gefühl, gesehen zu werden. Und als wir am Haken hingen, verknappten sie genau das wieder. Plötzlich sah dich niemand mehr, es sei denn, du zahltest. So wurde die Werbung erfunden, der bezahlte Content. Sie schenkten uns die Bühne, nur um uns anschliessend Eintritt für die eigene Vorstellung abzuverlangen.

Und heute nehmen sie unsere Zeit

Nun, im Zeitalter der künstlichen Intelligenz, nehmen sie uns das Letzte und Kostbarste, was wir haben: unsere Zeit. Die Menschen sind fasziniert von der KI, und diese Faszination hat einen Preis. Allein mit ChatGPT verbringt der Durchschnittsnutzer heute rund 23 Minuten pro Tag; intensive Nutzer kommen auf über drei Stunden in der Woche, Tendenz steigend - und das ist nur ein einziges Werkzeug von vielen. Wir verbringen diese Stunden damit, die KI zu verstehen, sie einzusetzen, mit ihr zu spielen, und beileibe nicht nur, um Gutes anzustellen. Zeit, die uns niemand zurückgibt. Zynischer als heute kann das Spiel dieser Konzerne kaum noch werden.

Ich erinnere mich

Ich erinnere mich noch sehr genau an das Jahr 2004/06, als Facebook die Welt betrat. Ich höre die Begeisterung der Menschen um mich herum bis heute. Mein erster Gedanke war ein anderer: Wozu soll ich eine einzige Webseite nutzen? Wozu? Das Internet hat doch so viel mehr zu bieten.

Auch ich war damals naiv, nur auf andere Weise. Ich glaubte, der Mensch würde die neu geschenkte Freiheit begreifen. Ich glaubte, wir würden das Netz als das verstehen, was es hätte sein können: eine Spielwiese unbegrenzter Möglichkeiten, eine offene Weite. Doch die Menschen wollten das nicht. Sie wollten sich versammeln, auf einer einzigen Seite, eingezäunt, überschaubar, verwaltet. So ist der Mensch.

Dann kamen die anderen Facebooks. Und bei jedem Einzelnen wollte der Mensch wieder dabei sein. Immer aus demselben Antrieb: Gewinn für sich selbst.
Der private Gewinn, das Futter fürs eigene Ego. Oder der geschäftliche, das Futter fürs eigene Portemonnaie.

Ganze Industrien der freiwilligen Unterwerfung

Und heute? Es ist nicht anders. Nur noch extremer. Es sind ganze Industrien entstanden, die dir mit ernster Miene erklären, wie du dem grossen Geld dein Leben in den Rachen wirfst. Erst kamen die Ads-Experten: Google Ads, Facebook Ads, die dir zeigen, wie du zahlst, um überhaupt noch gesehen zu werden. Dann kam die zweite Welle, die Experten dafür, wie du deine Daten den sozialen Netzwerken am elegantesten überlässt, wie man TikTok und Konsorten „erfolgreich" bespielt, sprich: sich am wirkungsvollsten ausliefert. Und nun, pünktlich zur dritten Runde, gibt es die Experten dafür, wie du deine Zeit den grossen Konzernen übergibst. Erfolgreich, versteht sich. Viel Zeit. Und dann noch ein bisschen mehr.

Dass diese Blase platzen wird, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Doch bis dahin bleibt eine Beobachtung, die mich nicht loslässt: Die Bereitwilligkeit des Menschen, in die Sklaverei zurückzukehren, ist bemerkenswert. Niemand zwingt uns. Wir tragen die Ketten selbst herbei und legen sie uns freiwillig an, in der festen Überzeugung, ein gutes Geschäft gemacht zu haben.

Don't be evil." An Zynismus ist das bis heute nicht zu übertreffen.